Vielleicht haben Sie das schon mal erlebt: Sie haben eine erwachsene Person in Bahn, Bus, Supermarkt oder Arzt-Wartezimmer weinen sehen. Direkt haben Sie sich sehr betroffen gefühlt, hätten der Person gerne geholfen. Nur wie?
Dass wir uns in so einer Situation überhaupt involviert fühlen, liegt an unserer Fähigkeit zur Empathie. «Das heißt, ich fühle, was der andere fühlt bzw. was ich vermute, was er fühlt», erklärt Psychologin Michaela Wegener von der Deutschen Gesellschaft für Positive Psychologie (DGPP).
Dadurch, dass wir nun selbst etwas fühlen – wahrscheinlich Traurigkeit oder Hilflosigkeit -, wird die Situation zum eigenen Thema, zur Herausforderung. Wir müssen uns dazu irgendwie verhalten.
Empathie vs. Mitgefühl: macht Unterschied für Handlungsimpuls
Einem Gefühl folgt meist ein Handlungsimpuls. Wir wollen also etwas tun. Sehen wir eine weinende Person und werden dabei selbst traurig, ist der Impuls vielleicht, die Person tröstend in den Arm zu nehmen. Bei Freunden mag das angemessen sein, bei einer fremden Person im Bus aber eher weniger.
Wegener rät, den Handlungsimpuls zu prüfen, bevor man ihm nachgeht: «Dient dieser Impuls dem anderen? Oder tue ich das eher, damit ich selbst das unangenehme Gefühl nicht mehr fühlen muss?» Im zweiten Fall gilt: lieber lassen.
Dahinter steckt der Unterschied zwischen Empathie und Mitgefühl: Wer empathisch ist, fühlt die Emotionen der anderen Person selbst sehr stark und kann in einer Hilflosigkeit steckenbleiben. Wer hingegen mitfühlt, erkennt an, wie die andere Person sich fühlt, kann sich davon aber selbst emotional abgrenzen. Ein Handlungsimpuls entsteht dann aus dem Wunsch nach Fürsorge heraus, nicht um das eigene Gefühl zu beruhigen.
Was immer geht: Taschentuch reichen
Laut Wegener ist es gar nicht immer so leicht, zu reflektieren, woher ein Handlungsimpuls gerade kommt und ob er der anderen Person oder doch eher einem selbst dient.
Womit man in der Regel aber nichts falsch macht: Man kann die weinende Person diskret fragen «Hey, kann ich was für dich tun?», also abklopfen, ob Unterstützung überhaupt gewünscht ist, so Wegener. Oder man bietet wortlos ein Taschentuch an.
Lehnt die Person ab, muss man das akzeptieren. Hier kommt die emotionale Abgrenzung wieder ins Spiel: «Dass man das Thema bei der anderen Person lässt und sich sagt: Das hat nichts mit mir zu tun, ich habe nichts falsch gemacht», sagt Michaela Wegener.

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